Reisen mit chronisch krankem Hund – Diagnose Leishmaniose

Als wir Mozart das erste Mal in Spanien trafen, war er rund 20kg schwerer. Man hörte ihn bevor man ihn sah: Bei 40° Grad im Schatten, hatte der verdächtig nach Staffordshire-Mix aussehende Hundekörper ganz schön zu pumpen und das lautstarke Hecheln durchbrach die sommerliche Stille bevor der massige Körper um die Ecke bog. Seit drei Jahren lebte Mozart hier und war mittlerweile chronisch krank. Im Tierschutzjargon nennt man diese Hunde die „Unvermittelbaren.“

Für mich war es damals trotzdem Liebe auf den ersten Blick, weil der dicke Hundeklops mich an unseren vorherigen Hund, meinen Seelenverwandten Hardy erinnerte.
„But he’s positive in Leishmania.“, sagte die spanische Tierschutzkollegin und Freundin zu mir mit dem niedlichen, südländischen Akzent, als ich mich zu ihm runterbeugte und dem hechelnden Koloss den Kopf tätschelte. Leishmaniose positiv also. „And he’s here since three years now!“

Was Leishmaniose für uns bedeutet

Aus der Arbeit mit meiner Tierschutzorganisation war mir die Leishmaniose ein Begriff, erste-Hand-Erfahrungen hatte ich damit allerdings nicht. Letztendlich handelt es sich um eine Infektionskrankheit die von Sandmücken übertragen wird, welche sich vor allen in warmen Gegenden aufhalten, vornehmlich in Süd- und Süd-Osteuropa.

Sie ist nicht direkt ansteckend für andere Hunde, Tiere, oder Menschen, auch wenn man das immer wieder liest.
Rein rechnerisch / theoretisch ist es womöglich unter besten erdachten Umständen möglich, es gibt aber nicht einen einzigen dokumentierten Fall.
Auch jetzt nicht, nach Jahrzehnten in denen Menschen und Hunde mit anderen Leishmaniose positiven Hunden zusammenleben, spielen, kratzen, knutschen und so weiter.

Die Krankheit gilt allgemein als unheilbar und muss gegebenenfalls ein Leben lang behandelt werden.

Gegebenenfalls schreibe ich deshalb, weil ich mittlerweile durchaus Tierhalter kenne, deren erkrankte Hunde aktuell (und seit Monaten / Jahren) keine Medikamente erhalten und trotzdem top fit sind. Unsere Tierheilpraktikerin behandelt ihren Leishmaniose positiven Hund derzeit ausschließlich homöopathisch, schließt eine medikamentöse Behandlung aber natürlich nicht aus, wenn sie erforderlich ist.

Wer gute Freunde hat, braucht auch schlimme Krankheiten nicht zu fürchten

So oder so ist der Umgang mit dem Hund, der Umgang mit der Krankheit und die jeweilige Behandlung vor allem Glaubenssache, finde ich. Das ist ein bisschen wie bei der Hundefütterung: Jeder verfolgt da seine eigene Philosophie und weiß (oder glaubt zu wissen), was für seinen Hund das Beste ist.

Ein Hund kann ein langes, normales, uneingeschränktes Leben mit der Leishmaniose führen – oder auch von der Krankheit gebeutelt sein und an ihr (früher) und leidvoll versterben. Das ist von vielen Faktoren abhängig und wie bei allen Krankheiten auch immer mit ein bisschen genetischem Glück verbunden.

Über die Krankheit an sich möchte ich aber gar nicht so viel erzählen, nicht an dieser Stelle jedenfalls.
Viel mehr soll es darum gehen, wie sich das Reisen mit Hund verändert, wenn dieser chronisch krank ist. Oder ob das überhaupt noch machbar ist.

Was Leishmaniose für andere bedeutet

Als ich im Internet auf die Suche nach Leishmaniose-Hundebesitzern ging, traf ich vor allem auf eine Fraktion: Die Panische.

Menschen, die von stets nur leidenden Hunden, furchtbaren Krankheitsverläufen und bösen Tierschutzvereinen sprechen, die die Krankheit bagatellisieren. „Wenn ich das immer lese, mit einer Tablette am Tag ist der Hund gesunde, da flippe ich aus!!!“ Hört man an dutzenden Stellen.

Tja liebe Leute: „Leider“ ist es bei uns genau so: Mozart bekommt nun, nachdem er über 6 Monate in Deutschland ist und das Blut erneut gecheckt wurde, sage und schreibe eine Tablette am Tag. Sonst tun wir rein gar nix für oder gegen die Leishmaniose. Außer ihn mit selbstgekochtem Futter gesund zu ernähren, ausreichend zu bewegen und zu lieben. Selbstverständlichkeiten also.

Auf solche Aussagen reagieren gebeutelte Hundebesitzer mit schwer kranken Leishmaniose-Fällen dann häufig zynisch und wünschen mir praktisch, dass ich ihre Leidensgeschichte auch mal durchmache.

Ich wünsche so etwas niemandem.

Weiß aber, dass die Leishmaniose in Mozarts Fall natürlich „ideal“ verläuft und dass das eines Tages vielleicht nicht mehr so sein wird. Bis es so weit ist, genießen wir aber das Leben in vollen Zügen und machen aus unserem Hund kein Drama. Er weiß ja schließlich selbst nicht mal davon.

Mozart ist glücklich – er wüsste ja auch nicht, wofür er Angst haben muss

Was Leishmaniose für Mozart bedeutet

Das einzige was Mozart nicht gut abkann, ist Stress. Klar, der schlägt aufs Immunsystem und alle anderen körperlichen Funktionen und ist im Allgemeinen schon nicht gesund. Für Leishmaniose-Hunde sollte er aber unbedingt vermieden werden.

Viele Menschen sagen, dass ihre Leishmaniose-Hunde ganz feste Routinen brauchen, damit es ihnen gut geht, eben auch um den Stress zu minimieren. Das schließt das Reisen natürlich aus, denn nichts ist ein größerer Routinebrecher.

Für Mozart gilt das nicht. Routinewechsel machen ihm nichts aus.
Innenstadtbesuche, Familienfeiern in kleinen Räumlichkeiten oder zu viele aufwühlende Hundebegegnungen hingegen sind für ihn sehr anstrengend und setzen ihm zu.
Stress oder „schlechtere Zeiten“ erkennt man bei ihm als erstes an der Nase. Die wird dann krustig, reist ein und blutet manchmal.

Wenn wir sehen, dass es wieder losgeht, schalten wir einfach nochmal einen Gang runter, lassen ihm viel Zeit zum ausruhen und schlafen und beobachten worauf er Lust hat und worauf nicht. Ansonsten gibt es auch hier keine dramatische Behandlung oder Fürsorge, wir machen einfach langsamer.

Was Leishmaniose fürs Reisen bedeutet

Grundsätzlich kann ein Leishmaniose-Hund ein genau so guter Reisebegleiter sein wie ein ganz normaler, gesunder Hund. Voraussetzung ist, dass der Hund charakterlich fürs Reisen gemacht ist und das Unterwegssein genießt. 

Hunde die schnell in Stress geraten oder Angst bekommen sind, egal ob mit oder ohne Leishmaniose, einfach nicht fürs Reisen geschaffen und vielleicht besser bei Freunden, Verwandten oder zumindest an der Ostsee aufgehoben, statt im Auto quer durch Europa. – Ganz unabhängig von der Krankheit.

Für die Reisezeit sind wir natürlich mit etwas mehr Medikamenten ausgestattet und auf Notfälle vorbereitet. V.a. hoffen wir aber, dass die Leishmaniose einfach nicht plötzlich ausbricht, wenn wir mitten im Nirgendwo sind.

Über Stock und über Stein, auf die Berge und ans Meer

Aber, dass ist der Vorteil am Roadtrip durch Europa, so weit weg ist Zuhause nie.

Und wenn vor Ort gar nix mehr geht, kein Tierarzt helfen kann oder will, auch nicht, wenn wir die Tierärztin unseres Vertrauens telefonisch „dabei“ haben, dann setzen wir uns einfach ins Auto und fahren nach Hause. Im Notfall 36 Stunden oder wie lange auch immer am Stück. Wir sind zu zweit und können uns beim fahren abwechseln.

Da muss es ja auch nicht zwangsläufig zur Haustierärztin nach Berlin, sondern für die Erstversorgung einfach zu einem kompetenten Tierarzt, dessen Sprache man spricht.
Da hat man von allen Seiten also mindestens Deutschland, Österreich und die Schweiz zu Verfügung.

Letztendlich reisen wir aber abgesehen vom Medikamentenvorrat keineswegs anders als mit unserem gesunden Hund in der Generation davor. Verantwortung zu übernehmen, für den Notfall zu planen und sorgsam mit der Gesundheit seines Hundes umzugehen verlangt jeder vierbeinige Reisepartner. Ob mit oder ohne Leishmaniose.

In einschlägigen Foren und Onlineplätzen zur Leishmaniose wird vehement davon abgeraten in südliche Länder zu reisen, aufgrund der Gefahr einer erneuten Erregerinfizierung.

Auch dem sehen wir gelassen entgegen und statten unseren Hund mit entsprechender Ungeziefer-Prophylaxe aus. Die braucht es aufgrund der vielen übertragbaren Krankheiten durch Flöhe, Zecken und Mücken im Ausland so oder so, je nach Jahreszeit.

Seid mutig, erobert die Welt!

Reisen mit einem chronischen kranken Hund, zumindest bei dieser Krankheitsform, ist das schönste, was man gemeinsam machen kann. – Natürlich immer unter der Prämisse, dass das etwas ist, was charakterlich auch zum Hund passt.

Vielleicht lebt Mozart nicht so lang wie andere Hunde, dafür hat er dann die Welt gesehen, in fünfzehn Ländern Europas einen Baum markiert – und was kann man als Rüde mehr wollen-, einen Berg bestiegen, das Meer erschnüffelt, Quallen gefressen, Möwen gejagt, Salzwasser probiert und den Kopf in den Fahrtwind gehalten.

Ein Leishmaniose Hund lebt nicht länger, schöner, oder besser indem man ihn in Watte packt und isoliert. Wir drei finden: „Es geht nicht darum dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr leben.“ (Cicely Saunders)

Und wir genießen alles, was ein Hund so tun kann, so lange uns die Leishmaniose lässt.

Mitnehmen was geht, so lange es geht

Wer reist noch mit Leishmaniose Hund – oder einem andersartig chronisch erkrankten Hund und empfindet das als Gewinn für alle (und warum?) Was hat dein Hund für Besonderheiten und wie verändert es deine Art zu reisen? Wir freuen uns über deine Stories mit Hund.

Tamara lebte von Kindesbeinen an mit Hunden zusammen, schlug zwischenzeitlich sogar einmal die Karriere als Tierarzthelferin ein und ist mittlerweile Hundebesitzerin und Gründerin gleich zweier Tierschutzvereine. Wenn sie nicht irgendwas-mit-Hunden oder irgendwas-mit-Medien macht ist sie am liebsten auf Reisen – mit Hund, versteht sich.

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3 Antworten auf „Reisen mit chronisch krankem Hund – Diagnose Leishmaniose“

  1. Unser zweiter Hund hat auch Leishmaniose, beide Fellnasen sind aus Kreta. Und würde auch gesagt, bloß keine Impfung und kein Stress. Meine Eltern wohnen aber nicht bei uns, wir besuchen sie aber sehr regelmäßig und auch Reisen wie gern. Unser Hund ist etwas scheu und hatte anfangs vor allem Schoss, auch hier würde von manchen aseiten gesagt, wir können jetzt nicht mehr einfach irgendwohin fahren mit den Hunden. Wir nehmen sie aber trotzdem mit. Er ist jetzt fast ein Jahr bei uns, vor der Leishmaniose hab ich immernoch Respekt, aber wir sagen uns auch, wir können uns Gedanken machen, wenn es ihm schlecht geht, aber solang das nicht der Fall ist wird das Leben genossen! Bei uns ist es aber bisher glücklicherweise auch nichts anderes, als zwei Tabletten am Tag. Wie hoffen, das bleibt noch lang so!

    1. Hallo Andrea,

      ich glaube dass das wichtigste für unsere Hunde ein entspannter, zufriedener Halter ist. Dann ist eigentlich fast alles möglich. Klar, man muss sich ein bisschen anpassen, improvisieren und manchmal zurückstecken… aber ich finde es absolut richtig, wenn ihr mit euren beiden griechischen Begleitern durch die Gegend reist! Respekt vor der Leishmaniose ist sicher angebracht, nur die Lebensfreude nehmen darf man sich nicht!

      Ich denke über eine Interviewserie zu Leishmaniose-Besitzern nach, die mit ihrem Hund reisen. Stündest du dafür auch zur Verfügung liebe Andrea? :))

      Liebe Grüße,
      Tamara

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